Dezember 2025: Ich fühle mich allmählich wieder. Ich fühle die Zartheit, das Weiche, wie es an meine Oberfläche tritt. Die Haut ist wärmer, spannt nicht so sehr wie sonst und mein Kopf hat es ein bisschen weniger eilig. Ich fühle es. Ich fühle mich. Etwas mehr als noch vor wenigen Tagen.
Ich glaube, dieses Gefühl bedeutet, dass ich mir wieder etwas näher bin. Ich hab so viel funktioniert in letzter Zeit. Ich war auf meiner ersten eigenen Lesetour. Und jetzt musste ich einfach mal weinen – ganz ohne Erklärung, ohne Funktion.
Ich war in den letzten Tagen hibbelig. Wollte in die Spur finden, meine Leitlinie, mein „Was macht von hier aus heute am meisten Sinn?“ Und natürlich war es erstmal das Auspendeln. Das Ausdrehen-Lassen der Zahnräder, die vor allem während der Tour auf High-Speed liefen. Es ist dann immer wie ein bisschen Sterben, ein bisschen Fallen, dann kommt eine emotionale Welle, ich weine und dann finde ich wieder in das Weiche in mir. Den Ort, der ehrlich kreiieren kann, statt bloß kontrolliert zu produzieren. Der Performer darf endlich wieder Künstler sein.
Es ist Zeit mein wahren Ruf wieder in den Fokus zu nehmen. Und vielleicht geht es genauso darum, etwas anderes aus dem Fokus zu verlieren. Weglassen. Sich nicht länger von Unwesentlichem ablenken lassen. Was also fällt in diese Kategorie des „Unwesentlichen“? Vermutlich alles, was ich auf Social Media bloß für die Aufmerksamkeit, statt den Selbstausdruck tue. Vermutlich auch viele Morgen, an denen ich meine Seele aus Gewohnheit vorsichtig streicheln will, während dieses wilde Biest längst bereit für Ausdruck ist. Vermutlich diese beschämte Haltung von „Das ist doch alles nicht so wichtig und bloß frivole Kritzeleien.“ Ich sollte mich direkt ansprechen: Spätestens die Tour sollte dir deutlich gemacht haben, dass man dir zuhört, also nimm deine Stimme verdammt nochmal ernst. Dieses Klein Machen ist nicht mehr süß, es ist längst überholt. Deine Worte erreichen Menschen. Echte Menschen. Menschen, die an sich zweifeln, sich nicht trauen, sich zuzumuten, die ihre Mitmenschen verloren haben, die mit MS oder einer Krebserkrankung kämpfen. Das ist keine Fantasie mehr. Das sind Tatsachen, die dir in Fleisch, Blut und Tränen gegenübergestanden haben. Hör auf dich zu ducken, sondern steh so gerade, wie du es dir für all diese Menschen auch wünscht.
Ja. Ich will geradestehen. So gerade wie es eben geht.
Meine Bücher sind voll von Aufrufen und Ermutigungen, die ich selbst noch immer lerne zu beherzigen. Jemand, der laut hofft und in der Stille lauscht. Der Antworten nicht vorwegnimmt, sondern vielmehr zur Suche danach in sich selbst inspirieren will.
Ich bin ein Typ, dem das Schreiben das Leben gerettet hat. Wo ich nicht weiter wusste, hat mir das Schreiben einen Weg aufgezeigt. Wo ich in Einsamkeit versunken bin, war das Schreiben für mich da. Wo ich versucht war mich zu hassen, war das Schreiben mit einem liebevollen Gleichmut für mich da.
Ich bin ein Typ, der sich mit seinen Büchern selbst einen Kindheitstraum erfüllt hat und sich selbst eine kreative Karriere damit erschaffen hat. Ich bin ein Künstler, der sich bei all den Hüten, die er als Selbstständiger tragen muss, immer wieder hinterfragt und bewusst abwägt, welcher Anteil nun Priorität haben darf.
Ich bin ein pragmatischer Sinnsucher, der auf dem Papier über das Leben, die Liebe und die Kunst nachdenkt. Welchen Platz nimmt er ein in dieser chaotischen Welt voller Schrecken und voller Schönheit? Wohin richtet sich sein Blick?
Die Poesie hat vermutlich alle Antworten, die ich brauche. Wie damals…
Die Poesie hat nichts an meinem Schatten verharmlost. Im Gegenteil. Mit deutlichen Linien kritzelte sie an seinen Konturen entlang und zeichnete so auch ab, wo genau das Licht in mir seinen Anfang nahm.
Die Poesie hat die Gitterstäbe meiner Gedanken zum Glühen gebracht und vermeintlich feste Realitäten wieder formbar gemacht.
Die Poesie hat jede Rasierklinge eingeschmolzen, die ich mir zu den wichtigen Venen führen wollte. Die Poesie hat daraus Münzen geprägt und auf jede Einzelne graviert: „…weil ich dich liebe bis zum Schluss.“
