Der Anzug

Vater hat mir einen Anzug vermacht.
Einen Anzug, in dem hat er selbst schon viel zu viel Zeit verbracht.
Ich will den Anzug gar nicht, hab ich mir gedacht,
Aber alle sagen, dass man das so macht,
Alle sagen „Zieh ihn halt an, so ist das gedacht.“

Ich steig also in die Hosenbeine und da wo die Knie sein sollten, sind jetzt meine Füße.
Versuche den Bund zu schließen, aber selbst mit Gürtel rutscht er von der Hüfte.
Ich taste mich in die Ärmel des Sackos und komme auch hier nur bis zur Mitte.
Bin halb zu kurz.
Halb zu klein.
Nur ein halber Mann;
das wird‘s sein.

Ich versuch also im Anzug durchs Leben zu gehen.
Stolpere über den schweren Stoff
und versuch dabei groß und stark auszusehen.
Kralle mich in den Ärmeln fest und hoff,
dass die Schmerzen irgendwann vorübergehen.
Das Brennen auf der Haut, das Scheuern an den Schultern.
Das Piecksen und Stechen bei allen Bewegungen.
Vorallem bei denen, die nach Tanz und Freiheit aussehen,
die die Nähte gefährden, weil sie den Stoff überdehnen.

Manchmal weine ich vor Schmerz, aber hinter dem großen Kragen sieht niemand meine Tränen.
Das bartlose Kindergesicht,
die Schminke meiner Schwester,
die Blumentattoos auf einem Körper ohne Kampfgewicht.
Nein. In so einem Anzug weint man nicht.
Man schreibt Geschichte.
Kein Gedicht.

Erst ein halbes Leben später habe ich die Sicherheitsnadeln entdeckt,
peinlich tief im stolzen Gewebe versteckt.
Da bei den Blutflecken meiner Vorväter.
Die kommen nicht vom glorreichen Kampf,
sondern sind bloß Zeugen von gesellschaftlichem Krampf.
Um ein Haar wäre ich dran verreckt. Ohne die Sicherheitsnadel, die mir jetzt im Nacken steckt,
hätte ich diese Lebenslüge wohl nie aufgedeckt:

Der Anzug hat wahrscheinlich keinem gepasst. Nicht Vater, nicht Großvater, nicht Urgroßvater.
Ihn so unmenschlich zu schneidern, war ein Verbrechen vom System – in der Tat.
Aber ihn uns dann passend zu machen, war nicht Lösung sondern Selbstverrat.
Wie jeder seiner Träger ihn ängstlich gerafft, gepinnt und verschnürt hat, statt ihn einfach abzulegen.
Wie wir alle auslachen und beschämen, die sich so in ihrem Anzug eingeschnürt schon nicht mehr regen.
Wie jeder seinem Sohn eine Nadel darin hinterließ.
Wie wir alle schweigen wie am Spieß.

Wie wir alle Anzüge tragen, die nicht unsere sind.
Frag mal die Toten. Die, die erstickt sind an ihrem Krawattenknoten.
Die, die feine Seide zum Strick gemacht haben,
weil das einfacher schien als nach Hilfe zu fragen.
Sie werden‘s dir sagen:
Wenn du kannst, hör auf ihn zu tragen.
Wenn du kannst, fang an den Schneider anzuklagen.
Wenn du kannst, sei frei, mein Sohn!
Sei frei.
Sei du.
Sei du auch für uns.
Sei frei.
Sei du.
Sei du auch für die Jungs.

Vielleicht haben wir dir einen Anzug vermacht.
Aber dein gelebtes Leben hat uns beigebracht,
Junge, schau hin,
Du bist aus Liebe gemacht.

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